Ich sass gerade im Zug nach Aarau um zur Arbeit zu fahren, da sah ich ihn. Er öffnete die Türe um in das Abteil der zweiten Klasse zu gelangen und lief den Gang entlang. Seine rechte Hand versteckte er in seiner Hosentasche. Er trug eine schwarze Hose und ein weisses Hemd mit violetter Krawatte. Wow, diese Krawatte. Ich hätte nicht gedacht, dass eine violette Krawatte an einem Mann so sexy aussehen könnte. Und das Hemd erst, es lag eng an seinem Körper. Ich konnte jeden Muskel sehen, als er sich mir näherte. Was trieb er nur für einen Sport? – schoss es mir durch den Kopf. Seine Krawatte lag leicht gelockert um seinen Hals und der oberste Knopf seines Hemdes war geöffnet. Sofort hatte ich Lust ihm das Hemd vom Leibe zu reissen. Ich schüttelte den Kopf, was hatte ich da für Gedanken. Dann blickte ich höher, in sein Gesicht. Mein Mund blieb leicht geöffnet stehen. Seine Haut war makellos. Er trug eine Sonnenbrille. Ich schloss meine Augen. Was er wohl für eine Augenfarbe hatte?

„Ist hier noch ein Platz frei?“ erschreckte mich eine tiefe Stimme. Wie um Himmels Willen hatte er es nur so schnell bis hier her geschafft? Und warum wollte er sich ausgerechtet zu mir hinsetzten? Ich nickte und stammelte: „Ja.“ Schnell rutschte ich zum Fenster. „Ich hoffe Barry stört Sie nicht?“ Barry? Erst jetzt bemerkte ich den braunen Labrador Retriever. Nervös und leicht erschrocken antwortete ich: „Nein, nein, kein Problem.“ Der Mann setzte sich mir schräg gegenüber. Barry drängelte sich zwischen meine Beine und legte sich hin. Schuldbewusst beobachtete ich den Mann weiter. Seine braunen Haare standen in alle Richtungen, eine Strähne hing ihm über die Sonnenbrille. Mein Blick rutschte von den Haaren, zur Sonnenbrille bis zu seinen Lippen. Er hatte volle Lippen. Ach wie gern… „Ich bin Lukas und du?“ Du meine Güte, seine sanfte Stimme holte mich in die Realität zurück. Ich lief rot an und fühlte mich ertappt. Tat ich etwas Verbotenes? „Ich heisse Sara.“ Und schon wieder starrte ich ihn an. Ihm wuchs ein Soul Patch Bart, ein schmaler Streifen von Haarwuchs, direkt unter den Unterlippen. Ich riss mich zusammen und konzentrierte mich wieder auf das iPad, welches sich auf meinem Schoss befand. Ich schrieb an meinem Text weiter, den ich vorhin begonnen hatte. „Was tippst du da?“, fragte er. Erstaunt blickte ich wieder hoch und antwortete zögerlich. „Ich schreibe ein Manuskript. Ich hoffe das später daraus ein Bilderbuch wird, eine Geschichte für Kinder.“

 

„Das ist eine sehr schöne Idee. Ich bin Journalist, ich könnte einen Artikel darüber schreiben.“ Wollte Lukas reden? Ich lächelte zaghaft. Ich würde es schaffen, mit ihm eine Unterhaltung zu führen. „Das wäre schön, danke.“

„Hier.“ Er zog eine Visitenkarte aus seiner rechten Brusttasche und reichte sie mir. „Was machst du sonst so, wo arbeitest du?“, fragte er mich. „Im Verkauf, in Aarau.“

„Hast du Hobbys?“

War das ein Verhör?

„Schreiben und was mit Freunden unternehmen.“ Wie langweilig, dachte ich. Ich gab nicht gerne viel von mir preis, also stammelte ich schnell: „Und du?“

„Ich spiele Fussball.“ Verdutzt und mit offenem Munde schaute ich ihn an. Ich konnte nichts erwidern. „Du kannst deinen Mund wieder schliessen“, grinste er bis über beide Ohren. Mein Gesicht wurde feuerrot.

 

Am nächsten Tag setzte ich mich wieder ins gleiche Abteil, auf den gleichen Platz. Sobald Lukas den Zug betrat rief ich ihm zu „Hallo Lukas. Ich bin hier!“ Hatte ich einen Dachschaden? Sämtliche Blicke richteten sich auf mich. Ich versuchte sie zu ignorieren und schaute nur zu ihm. Er lächelte. Erleichtert atmete ich auf. Mir war egal, was die anderen dachten, solange er sich auf mich freute. Unser Gespräch ging dort weiter, wo es gestern aufgehört hatte. Er fragte mich über mein Manuskript aus. Kurz und knapp erzählte ich es ihm, dann war er wieder mit Reden an der Reihe. Ich mochte es, ihn zu betrachten, während er sprach: „Ich höre die vielen Kinder und Menschen in deiner Geschichte, wie sie lachen und munter drauf los plappern. Bestimmt hält der kleine Junge oft den Atem an, vor erstaunen der Menschenmasse und der vielen Geräusche. Und die Musik, die verfolgt ihn in seine Träume…“

So ging das jeden Tag aufs Neue. Er erzählte und erzählte und ich hörte ihm zu. Manchmal sagte auch ich etwas, aber meistens nur um seine Fragen zu beantworten. Eines Tages bat er mich plötzlich: „Könntest du mir nicht ein bisschen die Landschaft beschreiben und dabei deiner Phantasie freien Lauf lassen, während ich vor mich hin döse? Ich bin müde. Ich höre deine Stimme so gerne.“ Ich sah ihn an und eine Träne kullerte über meine Augen. Noch nie hat jemand so etwas zu mir gesagt. Dieser Mann war nicht nur unglaublich schön, sondern auch einfühlsam. Er legte den Kopf auf die Seite. Widerwillig entriss ich mich seinem Gesicht und schaute hinaus. „Ein grauer Nebel hängt in der Luft. Die Sonne ist noch nirgends zu sehen. Um uns befinden sich lauter grüne Wiesen auf denen ein leichter Glanz liegt. Das Gras scheint gefroren zu sein. Die Bäume hinten im Wald haben keine Blätter mehr. Die gelben, roten und orangen Blätter liegen auf dem Boden. Der Nebel verschwindet langsam und weiter hinten erkenne ich nun Bergspitzen mit Schnee bedeckt. Der Himmel wird jetzt von den hellen Sonnenstrahlen beleuchtet. Er ist stahlblau. Ach wie gerne würde ich deine Augenfarbe kennen“, seufzte ich und erschrak, welche Wendung meine Erzählung genommen hatte. Hatte ich das wirklich ausgesprochen? Entsetzt schaute ich in Lukas Richtung. Er döste nicht mehr länger, sondern sass kerzengerade da. Ok, ich hatte es wirklich über meine Lippen gebracht. Zögernd streckte er seine Hand nach der Sonnenbrille aus, gerade, als der Zug in einen Tunnel fuhr. War es genügend hell, um seine Augen zu erkennen? Er griff nach der Brille und zog sie über die Nase. Meine Anspannung und Vorfreude wuchs von Sekunde zu Sekunde. Ich war froh, dass wir in einem Tunnel waren. Dieser Moment schien mir so intim. Ich wollte nicht, dass uns dabei jemand beobachtete. Zum Glück sass niemand in der Nähe. Meine Hände wurden feucht und ich merkte, wie ich sie zu einer Faust geformt hatte. Endlich hielt er seine Brille in der Hand und ich blickte in seine Augen. Sein Blick schaute durch mich hindurch bis in meine Seele. Es fröstelte mich. Seine Augen.. Es schien mir, als spiegelte sich der Himmel. Tiefes blau. Und ich versank darin.

 

Wir kamen in Aarau an. „Warte ich steige mit dir aus und schau mir an, wo du arbeitest“, meinte Lukas. Er arbeitete, wie ich mittlerweile wusste, in Zürich und müsste eigentlich weiter fahren. Erstaunt nickte ich: „Ok, komm ich nehme Barry.“ Ich hakte mich bei ihm ein und wir stiegen gemeinsam aus. Barry genoss es neben uns herzulaufen und an jeder Ecke zu schnüffeln. Ich schaute nach vorne und sagte: „Achtung, hier hat es eine Baustelle, wir müssen kurz auf der Strasse gehen. Hier endet das Trottoir.“ Lukas wurde nervös. Er war es nicht gewohnt, ohne seinen Blindenführhund zu gehen. „Ich helfe dir!“, sagte ich und drückte ihn zärtlich am Arm. Kurz blieben wir stehen und ich schaute zu ihm hoch und lächelte: ich hatte mich verliebt. Er spürte meinen Blick und meinte: „Komm schau auf die Strasse! Ich bin schon genügend blind vor Liebe für uns beide.“ Doch dann bückte er sich und küsste mich mit seinen vollen, sinnlichen Lippen.

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